Das Pressedilemma

"Nein, so kannst Du das nicht schreiben. Das ist zu lang, das liest doch keiner!“. "Nein, so auch nicht, das fällt doch niemandem auf!". So in etwa lauten die Kommentare, wenn ich für den Verein Integrierte Mediation eine Pressemitteilung entwerfe. "Du musst zeigen, was alles schief läuft und Forderungen aufstellen, was zu verbessern ist. So was fällt auf! Schlechte Nachrichten verkaufen sich halt besser!“. Ausgerechnet jetzt wird mir der Beitrag eines Abgeordneten, der wohl selbst auch Mediator ist, vorgehalten, in dem der Regierung Untätigkeit bei der Implementierung der Mediation vorgeworfen wird und Forderungen aufgestellt werden. Die hören sich zwar wichtig an. Meines Erachtens nach sind sie ebenso irreführend wie unverständlich, wenn man die Hintergründe nicht kennt (siehe Ruf nach staatlicher Gewalt). Die Untätigkeit der Regierung kann manchmal auch von Vorteil sein. Das alles geht aus der Pressemitteilung nicht hervor. Jetzt wird mir das Dilemma deutlich und mir wird klar, es ist nicht nur ein Dilemma unseres gemeinnützigen Verbandes.

Worin das Dilemma besteht? 

Wir sind Mediatoren!


Mediatoren schauen auf das was gut läuft und was funktioniert. Sie lenken den Fokus auf den zu erwartenden Nutzen hinter dem Problem und vergleichen die Lösung mit den Nutzenerwartungen. Sie konzentrieren sich weniger auf die Argumente für oder gegen eine Lösung, von der ohnehin keiner weiß, ob sie eintrifft oder nicht. Stattdessen achten sie darauf, voll informiert zu sein und lassen sich von selektiven Argumenten nicht beeindrucken. Sie wissen zwischen Meinungen und Fakten zu unterscheiden, und hören die Ich-Botschaft mehr als den Appell. Es ist eine Denkweise, die Streit vermeidet. Wäre sie populär, würde es nicht zu einem BREXIT kommen. Auch andere politische Streitszenarien kämen erst gar nicht auf. Diese Art zu Denken ist allerdings unspektakulär und dementsprechend uninteressant.

Wer will das schon?

Vielleicht wird schon jetzt deutlich, welches Dilemma ein Verband hat, der sich die Förderung der Mediation zur Aufgabe gemacht hat. Auf der einen Seite ist die Öffentlichkeitsarbeit eine Herausforderung, der wir uns mit spektakulären Nachrichten zu stellen haben, wenn sie effektiv sein soll. Auf der anderen Seite wollen wir aber die Grundsätze der Mediation, denen wir uns verschrieben haben und die nach unserer Auffassung nicht nur innerhalb der Mediation zum Tragen kommen, nicht verraten. Ist es nicht ein ähnliches Dilemma wie in der Politik, wenn der Stimmenfang im Vordergrund steht und nicht die eigene Überzeugung?

Ich habe mich bei dem Bericht über unseren Kongress Mediation in Bereitschaft in Frankfurt auf die Ratschläge eingelassen. „Das muss wie ein Hammer sein!“, wurde mir gesagt. Also wurde aus dem Bericht ein Manifest. Dort sind sieben Leitsätze aufgeführt. Die Zahl sieben, wurde mir gesagt, sei magisch. 13 Leitsätze sähe schlecht aus. 15 hätten es sein können. Eigentlich wurde erwartet, dass ich lautstarke Forderungen aufstelle. Der Bericht soll doch gelesen werden. Das ging mir aber zu weit. Ein Mediator fordert nicht, er hinterfragt und sucht nach einem Erkenntnisgewinn. Es geht mir auch nicht darum, zu zeigen was andere falsch machen, sondern den eigenen Weg zu beschreiben. Aus den sechs Seiten, die ich für verständlich hielt, wurden eineinhalb DIN A4 Seiten. Ob das noch ein Außenstehender versteht, ist fraglich. Die Aussagen sind jetzt punktuell und selektiv. Aber es hört sich gut an. Vielleicht nicht wie ein Hammer, aber doch wie ein Hämmerchen. Es mag darüber hinwegtäuschen, dass die Ergebnisse unseres Kongresses mit tiefgehenden Erkenntnissen einher gehen und auch eine Änderung der Richtung in der Mediationspolitik nahe legen. Vielleicht reizt der Bericht den ein oder anderen, mehr darüber zu erfahren. Dann besteht wenigstens eine Chance, dass die Botschaft nicht nur von Eingeweihten, Freunden und sogenannten Followern verstanden wird. Entsprechende Links für Interessierte, die sich mit den aufgeworfenen Fragen befassen möchten, sind jedenfalls in das Manifest eingearbeitet.

Ja, die seriöse Information hat es wirklich schwer. Es ist so leicht zu sagen: „Das sind Fakenews!", wenn eine Nachricht nicht gefällt. Die abfällige Behauptung klingt wohl überzeugender, als wenn die als Fakt dargestellte Meinung als solche offengelegt wird. Korrekt würde sich die Information dann etwa so anhören: "Ich bin der Auffassung, die Nachricht entspricht nicht den Tatsachen“. Wen reißt das vom Hocker? Hinzu kommt, dass eine solche Aussage Fragen aufwirft. Wer seine Meinung auf diese Weise offenbart, muss damit rechnen, dass er nach den Fakten gefragt wird. Er muss Farbe bekennen. Möglicherweise stellt es sich dann heraus, dass er die Fakten gar nicht kennt oder dass er sie gar leugnen will. Wer sollte daran ein Interesse haben und wer würde so etwas überhaupt lesen wollen? Niemand könnte sich aufregen, wenn jemand einfach nur seine sachliche Meinung kund tut. Sie würde Fragen aufwerfen und gibt keine Chance, nachgebetet zu werden. Sie offenbart auch keine Reibungsflächen. Sie wirft lediglich Fragen auf.

Die Rhetorik lebt nicht nur davon, dass Fragen unterdrückt und Meinungen als Fakten vorgestellt werden. Sie lebt auch von sogenannten Tilgungen. Das sind weggelassene Informationen. Erst die Tilgung macht eine Information spannend. Aussagen wie: „Das war ein gutes Geschäftsjahr und nächstes Jahr machen wir alles besser!“ oder „Wir sind jetzt im Arbeitsmodus angekommen“ sind ebenso nichtssagend wie irritierend. Wer solche Nachrichten hören will, kann aber viel damit anfangen; sowohl in die eine Richtung, wie in die andere. Er kann applaudieren oder sich aufregen. Beides ist möglich. Weglassungen geben den notwendigen Raum für Spekulationen. Die Assoziationen schaffen den Boden für weitere Behauptungen, an denen man sich reiben kann. Und so wie es aussieht, kommt es nur darauf an, Reibungsflächen zu finden. Das macht Informationen ebenso attraktiv wie unmediativ.

Ein Mediator sucht nicht nach Reibungsflächen, sondern nach Gemeinsamkeiten. Gemeinsamkeiten erschweren vermeintlich allerdings die Abgrenzung. Der Mediator würde die Ich-Botschaften hinter der Information heraushören. Die wiederum ist nicht angreifend. Sind Gemeinsamkeiten und Ich-Botschaften deshalb unklar oder langweilig?

Wie macht man sich bemerkbar, wenn die Information in starke Worte verpackt werden muss, damit sie überhaupt wahrgenommen wird? Es genügt nicht mehr zu sagen, wer man ist oder was man getan hat oder zu tun beabsichtigt. Ohne ein Attribut kommt ein Begriff nicht mehr aus. Es ist nicht einfach nur ein Gesetz, sondern "das gute Kita-Gesetz". Es war nicht einfach nur ein Kongress, sondern ein "rundum gelunger Kongress", was uns das auch immer sagen will. Umso besser kommt es rüber, wenn es ein Superlativ ist. "Das war das beste Ergebnis in der Region“, lenkt davon ab, dass es insgesamt ein schlechtes Ergebnis war, auch wenn der Superlativ etwas anderes suggeriert. Ganz abgesehen davon, dass es ein weiterer rhetorischer Trick ist, den Kontext zu verzerren, sollte auffallen, dass logischer Weise nicht alle und alles das Beste sein kann. Ein Superlativ ist immer einzigartig. Ein behaupteter Superlativ ist darüber hinaus auch gar nicht nachvollziehbar, wenn die Kriterien für die Einschätzung ausbleiben. Würden sie offen gelegt, könnten sie die Behauptung am Ende sogar entkräften.

Ja, wir haben einen schweren Weg vor uns, als ein Verband, der seine Ideale nicht verraten will, nur um Mitglieder zu werben, Follower zu listen oder um Aufmerksamkeit zu erregen. Und ja, Öffentlichkeitsarbeit ist eine Aufgabe, der wir uns zu stellen haben. Wir werden es weiterhin versuchen, die Integrierte Mediation vorzustellen, ohne uns und die Mediation zu verraten. Ich frage mich, ob es sein kann, dass die einfache Information und die behutsame Refexion bereits einen wahrnehmbaren Kontrast zu den vielen Superlativen, Drohungen, Abwertungen und Katastrophenmeinungen darstellt und schon deshalb Aufmerksamkeit erregt, weil sie ehrlich und wohlwollend ist?

Wir werden uns der Herausforderung stellen und einen Weg finden. Zumindest haben wir einmal ein Pressefach angemietet. Hier und auf unserer Webseite www.in-mediation.eu werden wir über unsere Erfahrungen berichten.

Bild von Gundula Vogel auf Pixabay

Über Integrierte Mediation e. V.

Integrierte Mediation e.V. ist ein gemeinnütziger Mediatorenverband. Seine Aufgabe ist die Förderung der Mediation als eine kognitionsbasierte Form der friedlichen Konfliktlösung, die auch in Entscheidungsprozessen anzuwenden ist. Der Verband wurde im Jahre 2001 gegründet. Heute zählt er weit mehr als 500 Mitglieder. Die Integrierte Mediation ist international aufgestellt und in mehreren Ländern vertreten.

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